Abbitte – Ian McEwan

Bild: Martin Müller / pixelio.de

Heute stelle ich mal wieder ein Werk der Gegenwartsliteratur vor, das 2001 erschien und ein paar Jahre später mit Keira Knightley und James McAvoy verfilmt wurde. Die Rede ist von dem großartigen Roman „Abbitte“…

INHALT

Ein heißer Tag im Juli 1935 ändert für immer das Leben dreier Menschen. Die junge Briony Tallis beobachtet einige erotische Szenen zwischen ihrer Schwester Cecilia und Robbie, dem Sohn der Putzfrau. Am selben Abend geschieht auf dem Anwesen der Tallis eine Vergewaltigung und der Täter flieht ins Dunkel. Angst und eine überbordende Fantasie bringen Briony zu einer Falschaussage. Sie bezichtigt Robbie und zerstört damit für immer seine Zukunft und die ihrer Schwester…

BEDEUTUNG

Das Buch ist Liebesdrama, Reifungsprozess, Kriegsgeschichte und eine Hommage an das Schreiben. In insgesamt drei Teilen erzählt Ian McEwan vor allem die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe über die Grenzen von Stand und Ansehen hinaus. Zentrale Themen sind außerdem der Konflikt zwischen Schuld und der Suche nach Vergebung.

Ian McEwan bezieht sich in seinem Werk auf viele andere, große Werke der Weltgeschichte – etwa von Shakespear oder Virgina Woolf. Als Epilog leitet ein Zitat aus Jane Austens „Northanger Abbey“ ein, das aufzeigt, welche schädlichen Wege eine überbordende Fantasie einschlagen kann.

Ein großes Motiv des Romans ist das Wetter. Die erotischen Szenen vom Anfang spielen an einem für England ungewöhnlich heißen Tag. Cecilias Bruder Leon kommentiert das mit den Worten: „Ich liebe England während einer Hitzewelle. Es ist ein anderes Land. Alle Regeln ändern sich.“ Und die Mutter spricht: „Meine Eltern waren immer der Ansicht, dass heißes Wetter bei jungen Leuten nur zu loser Moral führe.“ Der Leser bekommt dadurch sofort das Gefühl, dass etwas Unheilvolles, Unerhörtes in der Luft liegt. Auch später bei der Evakuierung von Dünkirchen spielen das Wetter und der körperliche Zustand von Robbie Hand in Hand. In drückender Hitze quälen sich die verwundeten Soldaten in voller Montur über die sengende Straße zum Strand.

MEINE LESEERFAHRUNG

Für mich war das Buch eine Offenbarung. Selten habe ich ein so gutes Werk der Gegenwartsliteratur gelesen. Eine große literarische Kraft hat die Psychologie des Buches. Ian McEwan zeichnet seine Figuren mit Hingabe und Detailgenauigkeit. Man kann sich – obwohl man nicht alles teilt – wunderbar in die Beweggründe der Hauptfiguren einfühlen. Gerade die Gedanken und Handlungen der junge Briony sind sehr plastisch geschildert. Das wird noch einmal dadurch unterstrichen, dass die Handlung ziemlich gemächlich voranschreitet – zumindest im ersten Teil. Die beiden weiteren Teile sind handlungstechnisch dichter. Es ist eine Geschichte von Schuld und Scham und gerade der letzte Abschnitt – die Ich-Erzählung Brionys – greift das sehr gelungen auf. Briony muss erkennen, dass nichts, selbst ihre Selbstaufopferung im Krankenhaus, ihre schuldhafte Tat als Kind ungeschehen machen kann. Nicht zuletzt ist das Buch eine Hommage an das Schreiben. Ian Mc Ewan schildert durch seine Hauptfigur Briony den Reifungsprozess eines Schriftstellers, den nur eigene Erfahrungen weiterbringen. Viele Stellen im Buch lesen sich wie ein Film: Etwa der Lichteinfall im Park mit „tanzenden Staubpartikeln“, dem „Zinn über dem Hals der Weinflasche“, das „lange Gras, dem bereits das löwenmähnige Gelb des Hochsommers auflauerte.“ etc. Ich mag die Dichte des Romans.

EMPEHLENSWERT FÜR

Fans des Films oder der englischen Literatur der Gegenwart; Liebhaber großartiger Liebesgeschichten; Altersempfehlung: ab 14 Jahre