Der Gottesbegriff nach Auschwitz –
Hans Jonas

Bild: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

Warum lässt Gott das Leid zu? Dieser, einer der ältesten Fragen monotheistischer Religionen, will sich Hans Jonas in seiner Rede anlässlich des Münchner Katholikentages 1984 nähern. Nach den Schrecken von Auschwitz plädiert Jonas für eine Änderung des Gottesbegriffs. Eine packende und in sich logische Abhandlung über die Parodoxie der Allmacht und das Werden Gottes…

ZUR PERSON
Hans Jonas (1903-1993) ist selbst jüdischer Abstammung und studierte Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Er beschäftigte sich unter anderem mit Neuzeitlicher Gnosis, naturphilosophischen und ethischen Fragestellungen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wanderte er aus, lebte in London, Jerusalem, Kanada und New York, wo er auch später lehrte. Seine Mutter starb im KZ Auschwitz und Jonas begann sich mit der Frage nach der Gottesgerechtigkeit auseinanderzusetzen.

In seiner Rede zeigt er gleich mehrere Vorstellung eines neuen Gottesbegriffs auf. Diese Vorstellungen sind weder ein Hinweis auf seine Religiosität, noch seinen Atheismus. Er plädiert lediglich bei den Gläubigen der abrahamitischen Religionen für eine Überdenkung ihres Gottesbegriffs hinsichtlich der Theodizee-Frage.

INHALT
Zunächst einmal unterscheidet Jonas zwischen dem Leiden der Juden vor und während des Holocaust. Der Holocaust unterscheidet sich, laut Jonas, dahingehend, dass nicht mehr die Religion, sondern die jüdische „Rasse“ verfolgt wurde. Das Leid des jüdischen Volkes in den Schriften der Thora und des Alten Testaments könnten Juden auf die eigene Untreue zum Bundesgott zurückführen oder aber – wie bei Hiob – das Leid als Prüfung verstehen. Im Mittelalter wiederum könne man das Leid innerhalb des jüdischen Volkes (aufgrund von Judenverfolgungen) als Märtyrertum erklären. Im Holocaust aber seien Juden weder für ihren Glauben, noch für ihre Willensrichtung verfolgt und getötet worden. Jonas stellt deshalb folgerichtig die Frage: „Und Gott ließ es geschehen. Welcher Gott konnte es geschehen lassen?“

Für einen Juden, so Jonas, sei diese Frage schwerer zu beantworten, als für einen Christen, denn der jüdische Glaube sei auf das Diesseits ausgerichtet, während Christen die Erlösung von Leid auch im Jenseits finden könnten.

Jonas Antworten auf die Theodizee-Frage klingen in sich logisch: Gott könne nicht vollständig in der Welt wirken. Er habe sich mit der Erschaffung des Menschen als fühlende und denkende Kreatur selbst zurückgenommen und seiner Allmacht beraubt. Zu dem Paradox der Allmacht später mehr.

Zunächst einmal beschäftigt sich Jonas mit dem bisher im religiösen Verständnis von Juden und Christen als allgemeingültig angesehenen Gottesbegriff, der da lautet: Gott sei sowohl allmächtig, als auch allgütig und, zumindest in Teilen, für den Menschen verständlich. Mindestens einer dieser Begriffe sei aber, laut Jonas, im Hinblick auf Auschwitz falsch. Entweder habe Gott Auschwitz zugelassen (oder zulassen müssen), weil er nicht vollends mächtig oder vollends gut ist. Oder aber Gottes Wege seien für den Menschen vollkommen unverständlich. Da aber die Heiligen Schriften von Gott zeugen und sich Gott dort immer wieder offenbart und auch wiederkehrend als gut und heilig beschrieben wird, müsse man an der Allmacht zweifeln. (Jonas: „Ein gänzlich verborgener, unverständlicher Gott, ist ein unannehmbarer Begriff der jüdischen Norm.“)

Allmacht sei eine Paradoxie, denn Macht definiere sich immer im Gegenüber, d.h. Macht könne nur haben, wer ein Gegenüber habe, das selbst Macht hat, so wie sich Freiheit nur über die Grenzen der Freiheit definiere. Allmacht sei also immer „gegenstandslose Macht“. Mit der „Erschaffung“ der Welt, (d.h. mit dem ersten Anstoß für den Beginn der Evolution und damit dem Grundstein für den Menschen als Wesen mit Freiheit zur eigenen Willensbildung), beschränkte Gott bewusst seine eigene Macht. (Eigene Anmerkung: Er kann nun als mächtig, sogar als mächtiger aber niemals als allmächtig gelten.)

Jonas beschreibt Gott als „werdenden Gott“. Erst mit dem Menschen und in Relation zu ihm wurde Gott zu einem göttlichen Wesen. Gott sei niemals identisch (sozusagen integer und beständig -> eigene Deutung), sondern entwickele sich mit der Welt. Er sei verwickelt in den Verlauf der Welt und sorge sich um sie. Indem Gott darauf verzichtet habe „alles in allem“ zu sein und sich selbst zugunsten seiner Schöpfung zurückgenommen habe, gab er Raum für Existenz und Autonomie in der Welt (Selbstentäußerung Gottes). Das Böse käme demnach nicht von Gott, Gott leide an der Welt und habe auch in Hiob gelitten. Doch er konnte in Auschwitz nicht eingreifen. (Jonas: „Aber Gott schwieg. Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein.“)

Jonas spricht von einer Ohnmacht Gottes und sieht den Menschen als Grund für das Übel auf der Welt. Es sei nun am Menschen, im Sinne Gottes zu handeln.

HINTERGRUND
Hans Jonas wurde 1987 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet

Anmerkung: Der Blogbeitrag endet hier. Ich enthalte mich einer (weiteren) Deutung und Anmerkung zur Rede von Hans Jonas da ich im Internet keinen Kommentar zu religiösen Fragen abgebe.