Der Rabe – Edgar Allan Poe

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Zehn Jahre arbeitete Poe an seinem poetischen Meisterwerk „Der Rabe“. Als er es schließlich verkaufte, betrug sein Lohn nur 10 Dollar. Heute ist das Gedicht aus dem Kanon der Weltliteratur nicht mehr wegzudenken…

INHALT

In 108 Versen schildert der Erzähler, wie ihn um mitternächtlicher Stunde ein Rabe heimsucht und ihn an seine verstorbene Geliebte erinnert. Der Erzähler hört in der Nacht, als er – von seinen (möglicherweise okkulten) Studien müde geworden – in den Schlaf sinkt, ein Klopfen an der Tür. Durch die eben gelesene Literatur angespannt, gerät er in Angst. Doch er beruhigt sich, indem er sich einredet, das Klopfen stamme von einem späten Besucher. Als er die Tür öffnet, sieht er nur dunkle Leere. Dies weckt in ihm die Sehnsucht (und Angst), der Geist seiner verstorbenen Geliebten Lenore habe geklopft. Er weicht zurück in sein Zimmer und es klopft erneut – diesmal am Fenster. Als er es öffnet, fliegt ein Rabe in den Raum. Der Erzähler fragt den Raben, wie er heiße. Die Antwort des Raben: „Nimmermehr“. Von der Sprache des Raben fasziniert, fragt sich der Erzähler, wie das Tier das Wort gelernt haben könne. Er erinnert sich wieder an Lenore und er stellt dem Raben Fragen. Ob er Lenore vergessen können? – „Nimmermehr“. Ob es für seine Seele Linderung gebe? – „Nimmermehr“. Ob er Lenore im Himmel wiedersehen werde? – „Nimmermehr.“ Des Wortes überdrüssig und wütend, will der Erzähler den Raben wegschicken. Doch der Rabe antwortet auf die Bitte erneut mit „Nimmermehr“. Am Ende des Gedichtes wird der Erzähler fast wahnsinnig. Er beschreibt, wie seine Seele depressiv im Schatten des Rabens und der Büste der Pallas Athene auf dem Estrich liegt und von dort nimmermehr aufsteigen kann.

BEDEUTUNG

Obwohl Edgar Allan Poe sich nur am Anfang und Ende seiner Laufbahn kurze Zeit mit Poesie beschäftigte, zählt „Der Rabe“ als Meisterwerk der Weltliteratur. Zehn Jahre soll Poe – der Erzähler der Dunklen Romantik (Schauerromantik) – an dem Text geschrieben haben. In seinem Essay „Die Methode der Komposition“ beschreibt Poe, wie er den Raben systematisch aufgebaut hat. Für den literarischen Wert eines Werkes seien drei Faktoren ausschlaggebend: Die Länge des Werkes, der logische Aufbau und die „Einheit des Effekts“. Poe vertritt die Meinung, Literatur solle kurz sein und ohne Unterbrechungen gelesen werden. Nur so könne die sogenannte „Einheit des Effekts“ entstehen, da der Leser nicht abgelenkt wird. Der Schreiber solle sich stets klar sein, welchen Effekt er im Leser anstreben wolle. Emotionale Effekte seien unerlässlich für den Wert eines Werkes und müssten sowohl im Plot, als auch in den Charakteren und den Motiven, durchgezogen werden. Außerdem vertritt Poe die Meinung, dass gutes Schreiben niemals spontan, sondern stets analytisch verlaufe. Während der Entstehung des Gedichts „Der Rabe“ habe sich Poe wie bei der Lösung einer mathematischen Aufgabe gefühlt.

MEINE LESEERFAHRUNG

Ein tolles Gedicht! Ich kann gar nicht genug schwärmen. Allerdings braucht man, wenn man es in deutscher Sprache lesen will, unbedingt die richtige Übersetzung. Einige Übersetzungen bringen Poes poetische Sprache einfach nicht gut rüber. Ich würde die bekannteste deutsche Übersetzung von Hans Wollschläger vorschlagen. Wollschlänger hat sich auch als Übersetzer von James Joyce „Ulysses“ hervorgetan.

EMPFEHLENSWERT FÜR

Fans schauriger Geschichten und Gedichte sowie englischsprachiger und amerikanischer Literatur; Altersempfehlung: ab 15