Der Vorleser – Bernhard Schlink

Bild: Lizzy Tewordt / pixelio.de

Reifeprüfung für einen Teenager: Michael, 15 Jahre jung, verliebt sich in die 35-Jährige Hanna. Doch Hanna trägt ein düsteres Geheimnis mit sich…

INHALT (Achtung Spoiler)

Die Geschichte beginnt 1958. Der Schüler Michael Berg erkrankt an Gelbsucht und erbricht auf dem Schulweg. Hanna Schmitz findet den Jungen und bringt ihn nach Hause. Nachdem Michael seine Krankheit überstanden hat, will er sich bei Hanna bedanken. An diesem Tag sieht er durch einen Türspalt, wie sich Hanna umzieht. Als sie ihn bemerkt, flieht er. Doch er besucht sie erneut. Sie beauftragt ihn, Kohle aus dem Keller zu holen, worauf er sich schmutzig macht und sie ihm ein Bad einlässt. Als er sich abtrocknet, sieht er Hanna plötzlich nackt vor sich stehen und die beiden beginnen eine Affäre.

Hanna bitte Michael, ihr vorzulesen, was sich zu einer Gewohnheit entwickelt. In der nächsten Zeit kommt es, scheinbar wegen Kleinigkeiten, immer wieder zum Streit. Einmal, als Michael Hanna bei ihrer Arbeit sieht, – sie ist Straßenbahnschaffnerin. Und ein andermal, als sie gemeinsam eine mehrtägige Fahrradtour unternehmen. Da will er eines morgens Brötchen holen und schreibt ihr einen Zettel. Sie wird daraufhin zornig. Beide Male nimmt Michael die Schuld auf sich. Neben Hanna verbringt Michael wieder Zeit mit seinen Freunden. Im Schwimmbad unterhält er sich mit einer Klassenkameradin. Später sieht er auch Hanna dort, geht aber nicht zu ihr. Am nächsten Tag ist Hannas Wohnung verweist und Hanna verschwunden. Michael macht sich Vorwürfe.

Jahre später beginnt Michael ein Jurastudium und soll einer Gerichtsverhandlung beiwohnen. Dort sieht er Hanna als Angeklagte, ehemalige KZ-Aufseherin. Bei einem Todesmarsch von Krakau nach Ausschwitz soll sie Hilfeleistungen unterlassen haben. Als in der Kirche, in der die Juden übernachteten, ein Feuer ausbrach, öffnete niemand der vor der Tür stehenden Wärter die Kirchenpforte. Die Gefangenen verbrannten. Gegen Ende des Prozesses beschuldigen die anderen Aufseherinnen Hanna als die Hauptverantwortliche. Belegt werden soll dies durch eine Handschriftenprobe. Das Gericht will Hannas Handschrift mit der der Berichts-Akte der KZ-Aufseherinnen vergleichen. Michael weiß mittlerweile, dass Hanna Analphabetin ist und die Akte nicht geschrieben haben kann. Somit wäre sie nicht die Hauptverantwortliche. Anstatt ihre Scham zu überwinden, bestätigt Hanna die Anschuldigungen und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Michael entschließt sich, sein Wissen für sich zu behalten.

Als Michaels Ehe auseinander bricht, besucht er Hanna im Gefängnis. Von diesem Augenblick an, schickt er ihr regelmäßig Kassetten, auf denen er aus Büchern vorliest. Hanna kann die Kassetten mit den Büchern aus der Gefängnisbibliothek vergleichen und bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei. Sie schickt Michael Briefe, die er jedoch nie beantwortet.

Jahre vergehen und die nunmehr alte Hanna soll wegen guter Führung entlassen werden. Michael – einzige Bezugsperson – soll ihr helfen, wieder in den Alltag zu finden. Doch Hanna erhängt sich einen Tag vor ihrer Freilassung. Ihr geringes Vermögen will sie, laut Testament, der Zeugin aus dem Prozess übergeben. Diese weigert sich jedoch, das Geld anzunehmen. Mit Michael einigt sie sich darauf, es in Hannas Namen einer jüdischen Organisation zu stiften, die den Analphabetismus bekämpft.

BEDEUTUNG

„Der Vorleser“ ist Bernhard Schlinks persönlichstes und zugleich wichtigstes Buch. Zuvor hatte er bereits Kriminalromane veröffentlicht, die ebenfalls den Nationalsozialismus als Thema hatten. Mit dem Vorleser erreichte Schlink Platz eins der Bestsellerliste der New York Times. Der Roman erhielt eine ganze Reihe renommierter Literaturpreise, wie den Hans-Fallada-Preis, den italienischen Literaturpreis Grinzane Gavour und den Prix Laure Bataillon – Frankreichs bestdotierter Preis für übersetze Literatur.

Die große Frage des Romans ist die Frage nach der Schuld. So kann „Der Vorleser“ als Auseinandersetzung mit der Kollektivschuld-These verstanden werden. Michael hat zwar mit dem Nationalismus nichts zu tun, verliebt sich aber in eine ehemalige SS-Aufseherin. Die Folgegeneration der Kriegsverbrecher musste sich damals von der eigenen kollektiven Schuld frei machen. Zudem hat Michael auch noch persönliche Schuldgefühle. Erstens, weil er sich als Teenager zu der viel älteren Hanna hingezogen fühlt, zweitens, weil er eine Verbrecherin liebt, und drittens, weil er Hanna vor Gericht nicht unterstützt. Hanna selbst drückt ihre Schuldgefühle zunächst unbewusst aus. Etwa in dem sie die Wohnung und sich selbst penibel sauber hält. Später nimmt sie ihre Schuld bewusst wahr.

MEINE LESEERFAHRUNG

Zum Glück habe ich das Buch gelesen, bevor ich den Film gesehen habe. Meiner Meinung nach kann der Film viele im Buch versteckte Botschaften nicht transportieren. Das Buch hat neben dem Schuld- und Vergangenheitsmotiv auch noch andere Motive, mit denen sich der Leser auseinandersetzen kann. Mich hat beispielsweise das Verführungsmotiv interessiert. Die Liebesgeschichte zwischen Michael und Hanna ist ja nicht alltäglich, sondern sticht alleine durch den Altersunterschied heraus. Auch der Reifungsprozess Michaels hat mich fasziniert. Vom „Jungchen“ – wie er von Hanna genannt wird – zum Mann. Als Erwachsener hat er Beziehungsprobleme. Man merkt, dass er Hanna niemals loswird. Schlink unterstreicht seine Geschichte mit einfacher und unaufdringlicher Sprache.

EMPEHLENSWERT FÜR

Mittel- und Oberstufenschüler, Geschichtsinteressierte (die Geschichte wird einmal von einer anderen Seite beleuchtet); Altersempfehlung: ab 13 Jahren