Die Jünger Jesu – Leonhard Frank

Bild: unbekannt/Siegfried Fries / pixelio.de

Nach langer Abstinenz kommt heute mal wieder ein Klassiker von einem der bedeutendsten sozialkritischen und pazifistischen Autoren des 20. Jahrhunderts: Leonhard Frank…

INHALT

Der Roman spielt kurz nach Kriegsende in den Jahren 1946 und 1947 im zerstörten Würzburg. Die „Jünger Jesu“ sind eine Diebesbande aus Buben, die von den Reichen stehlen und das Diebesgut den Armen geben. In mehreren parallel verlaufenden Handlungssträngen erzählt Autor Leonhard Frank außerdem von dem unfassbaren Schicksal der jüdischen Heimkehrerin Ruth und der tragischen Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Mädchen Johanna und dem amerikanischen Soldaten Steve.

BEDEUTUNG

„Die Jünger Jesu“ kann inhaltlich als Fortsetzung des Romans „Räuberbande“ – ebenfalls von Leonhard Frank geschrieben (1914) – betrachtet werden. Auch erinnern die Romanfiguren an andere Charaktere aus Frankschen Werken. Frank schreibt in allen Büchern von der Überzeugung, dass sich im großen Weltgeschehen meist nicht viel ändert. So schwelt in „Die Jünger Jesu“ auch nach Kriegsende der Nationalsozialismus. Beamte aus dem dritten Reich fungieren weiterhin in ihren Ämtern, Neonazis gruppieren sich in Jugendgruppen etc. Frank malt in schwarz-weiß. Die „Jünger Jesu“ begreifen sich als Sozialisten und bilden den Kontrast zum Nationalsozialismus. Neben diesen beiden Ideologien haben andere politische Formen keinen Platz. Die Lokalpresse der damaligen Zeit bezeichnete „Die Jünger Jesu“ als „wenig glücklichen Versuch“, die Würzburger wiederum fühlten sich – vor allem durch die fiktive Darstellung der öffentlichen Erschlagung eines jüdischen Ehepaares – verraten. Anerkennung fand Frank im Bereich des Sozialistischen Realismus. Marcel Reich Ranicki bezeichnete Frank als „Gefühlssozialisten“.

Erwähnenswert ist der nüchterne Erzählstil, der laut Frank „alles Überflüssige weglassen“ soll. Eine feinfühlige Charakterisierung schafft der Autor durch Metaphern. So gleicht die seelisch tote Ruth einer „Steinfigur“, einer der Jünger hat ein „Riemenschneidergesicht“ etc.

MEINE LESEERFAHRUNG

Auch mir hat der Erzählstil gut gefallen. Ich mag Romane mit klarer, nüchterne Sprache, die es ohne viele Adjektive schaffen, Gefühle wie Beklemmung oder Spannung beim Leser aufkommen zu lassen. Am meisten interessiert haben mich die beiden Liebesgeschichten, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Das (noch) unbeschwerte Liebespaar Johanna und Steve steht dem durch das Schicksal gezeichneten Paar Ruth und Martin gegenüber. Letztendlich haben beide Paare keine glückliche Zukunft. Betroffen war ich von Ruths Schicksal, die nach Auschwitz und Zwangsprostitution den Mörder ihrer Eltern erschießt. Der für Ruth positive Ausgang ihrer Gerichtsverhandlung kann als Befreiungsschlag der Juden gegenüber den Nationalsozialisten verstanden werden.

EMPFEHLENSWERT FÜR

Geschichtsinteressierte; Altersempfehlung: ab 13 Jahre