Die Legende von Sleepy Hollow –

Washington Irving

Bild: Wolfgang Resmer /pixelio.de

Erinnert ihr euch noch an den Kinofilm aus den 90er-Jahren mit Johnny Depp in der Hauptrolle? Endlich bin ich dazu gekommen, die Kurzgeschichte zu lesen. Sie zählt gemeinsam mit „Rip Van Winkle“ zu den ersten Kurzgeschichten der Weltliteratur und begeistert seit zwei Jahrhunderten Menschen aus aller Welt…

INHALT

Im beschaulichen Tal Sleepy Hollow – einer Schlucht, in der sich niederländische Siedler angesiedelt haben – lebt der pedantische Schulmeister Ichabod Crane, der ein Faible für düstere Geschichten hat. Sleepy Hollow – selbst ein düsterer Ort – birgt die Legende eines Reiters ohne Kopf, der des nachts die Dorfbewohner heimsucht. Zu Beginn der Geschichte wirbt Ichabod Crane um die Hand der schönen Katharine van Tassel. Dieses Werben soll ihm aber bald zum Verhängnis werden, als der gerissene Brom Bones sein Rivale wird…

BEDEUTUNG

Die erste und bekannteste Kurzgeschichte der Weltliteratur fällt mitten in die Literaturepoche der Romantik, in der oft volkstümliche Stoffe verklärt oder schaurig verändert wurden. So lässt denn „Die Legende von Sleepy Hollow“ viel Raum für Phantastereien. Beispielsweise ist nicht klar, was letztendlich mit Ichabod Crane geschieht. Hat Brom Bones ihm einen Streich gespielt, oder ist Crane tatsächlich vom geisterhaften Reiter in die Unterwelt entführt worden?

Autor Washington Irving ließ sich bei seiner Geschichte von der deutschen Sagenwelt inspirieren und musste sich deshalb auch Plagiatsvorwürfen stellen. Seine Geschichte ähnelt teilweise wortwörtlich der fünften Rübezahl-Legende aus Johann Karl August Musäus‘ Sammlung deutscher Volksmärchen. Auch die Figur des Reiters ohne Kopf soll Irving daher entnommen haben. Neben Musäus‘ „Rübezahl“ diente auch Gottfried August Bürgers Ballade „Leonore“ als Inspiration für „Die Legende von Sleepy Hollow“. Nice to know: Auch Edgar Allan Poe übernahm den Charakter der „Lenore“ in seiner Erzählung „Eleonora“ und seinem berühmtesten Gedicht „Der Rabe“.

Ursprünglich galt „Die Legende von Sleepy Hollow“ als Märchen – zumindest Irving selbst bezeichnete sie so. Erst im späten 19. Jahrhundert definierte man die Erzählung als Kurzgeschichte. Weitere Kurzgeschichten aus der Zeit sind „Rip van Winkle“ (ebenfalls von Irving), sowie die gesammelten Kurzgeschichten Edgar Allan Poes. (Bekannteste Beispiele: „Das verräterische Herz“ oder „Die schwarze Katze“).

Die Hauptfiguren Ichabod Crane und sein Widersacher Brom Bones werden oftmals als Archetypen gedeutet, die so ähnlich immer wieder in der Geschichte der US-Literatur auftauchen. Brom Bones ist ein Haudegen, der eine gewisse Bauernschläue an den Tag legt und gilt für viele als Inbegriff des amerikanischen Wesens/Heldens. Die Rivalität der beiden erinnert an die Konflikte zwischen Ost und West, Stadt und Land. So kann die Sage als Anlehnung an den Konflikt zwischen dem Staat New York und Neuengland gesehen werden. Ichabod Crane verkörpert hierbei den gelehrsamen Yankee, der letztendlich seinen Platz für Brom Bones räumen muss.

MEINE LESEERFAHRUNG

Man muss die Erzählung vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte lesen und darf sie nicht als reine Gruselgeschichte missverstehen. Wirklich spannend fand ich die Geschichte nämlich nicht. Sie beläuft sich zumeist auf Beschreibungen. Schaurig wird es erst am Ende, als Ichabod Crane vor dem (vermeintlichen) Reiter ohne Kopf davonläuft. Zuvor ergießt sich die Erzählung in endloser Beschreibung Cranes, seines Unterrichtes oder dem romantisch verklärten Hofgut seiner Angebeteten. Somit, finde ich, hat „Die Legende von Sleepy Hollow“ auch viel von einer Charakterstudie bzw. von stereotypen Auffassungen der amerikanischen Gesellschaft. Der Leser soll wohl mit einigem Abstand auf die Geschichte blicken.

EMPFEHLENSWERT FÜR

Fans der deutschen oder englischen Romantik; Geschichts-Interessierte; „Metaphoriker“ 🙂 Altersempfehlung: ab 12 Jahren