Verstand und Gefühl – Jane Austen

Bild: Horst Schröder /pixelio.de

Heute jährt sich der Todestag von Jane Austen zum 200. Mal. Deshalb gibt es – nach langer Abstinenz  – wieder eine Rezension zu einem ihrer Romane. Diesmal: „Verstand und Gefühl“ – ihr Erstlingswerk…

INHALT

Der Roman stellt das Leben der beiden Schwestern Elinor und Marianne Dashwood in den Mittelpunkt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die vernünftige und ruhige Elinor ist das Gegenteil der leidenschaftlichen und empfindsamen Marianne.

Beide Schwestern leben zusammen mit ihrer Mutter und einer jüngeren Schwester auf dem großzügigen Anwesen Norland Park. Mr. Henry Dashwood verstirbt zu Anfang des Romans, was die Schwestern und ihre Mutter vor einige Probleme stellt. Denn Mrs. Dashwood war die zweite Ehefrau ihres Mannes. Aus der ersten Ehe stammt ein Sohn, der nun Alleinerbe des Anwesens ist. Dieser bricht sein Versprechen, für ein adäquates Auskommen seiner Stiefmutter und den Halbschwestern zu sorgen. Somit bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als nach Devonshire in ein kleines Cottage zu ziehen. Dies trennt Elinor von Mr. Edward Ferrars, den sie kurz vor ihrer Abreise kennen lernt. Zwischen Elinor und Edward entwickelt sich eine starke Zuneigung. Edwards Familie, die große Pläne mit ihm hat, tut alles, um diese im Keim zu ersticken.

An ihrem neuen Wohnort lernt Marianne den charmanten Mr. John Willoughby kennen, der sie aus einer Notlage „rettet“. Sie verliebt sich in ihn und ignoriert den älteren Oberst Brandon, der wiederum in Marianne verliebt ist. Willoughby scheint Mariannes Liebe zu erwidern und will sich ihr erklären. Doch bevor es dazu kommt, muss er überraschend nach London abreisen. Marianne ist am Boden zerstört. Die Einladung einer Nachbarin, die sie und Elinor mit nach London nehmen will, kommt ihr gerade recht. Elinor hat mittlerweile erfahren, dass Edward seit fünf Jahren heimlich verlobt ist. Weil ihr diese Information als Geheimnis anvertraut wurde (von der Verlobten selbst), verschweigt sie ihren Kummer.

Auf einem Ball kommt es zum Wiedersehen zwischen Marianne und Willoughby, der sie distanziert und kühl behandelt. Sie erfährt, dass er ein Verlöbnis mit einer reichen Erbin eingegangen ist. Marianne versinkt in ihrem Kummer. Oberst Brandon will Marianne helfen, sich von Willoughby zu lösen und erzählt Elinor von Willoughbys düsterer Vergangenheit. Marianne gibt Willoughby auf, wird aber ernsthaft krank und droht zu sterben.

Ein Wunder rettet Marianne vor dem Tod und beide Schwestern sind froh, wieder in ihrem beschaulichen Cottage zu sein. Mitten in diese Ruhe trifft die Nachricht von der Vermählung Mr Ferrars ein. Elinor ist tief getroffen, doch nur kurze Zeit später steht Edward Ferrars selbst in der Tür. Nach einigem Wirrwar stellt sich heraus, dass Edward sich aus seinem Bündnis lösen konnte, ohne jemanden zu verletzten. Die Nachricht der Vermählung betraff seinen jüngeren Bruder. Edward macht Elinor einen Heiratsantrag, während Marianne eine Zuneigung zu Oberst Brandon entwickelt. Sie heiratet ihn mit einem Gefühl echter Wertschätzung, aus dem im Laufe der Zeit Liebe wird.

BEDEUTUNG

In ihrem Jugendwerk spricht Jane Austen die Problematik der Erbfolge in ihrem Zeitalter an. Den beiden Dashwood-Schwestern bleibt kaum ein anständiges Auskommen, als ihr Halbruder das gesamte Vermögen erbt. Mittellosen Frauen dieser Zeit blieb oft nur ihr „emotionales“ Erbe – also die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen, einen Partner zu finden und mit dem verbliebenen Geld gut zu haushalten. Dies fällt auf Elinor zurück, die von ihrer Schwester Marianne deshalb oft als Sparfuchs beschimpft wird. Elinor ist der vernünftige, verstandesmäßige Teil der Schwestern. Marianne wiederum verkörpert das Gefühl. Beide können als Konflikt zwischen zwei gesellschaftlichen und literarischen Strömungen verstanden werden: Der Romantik und der Aufklärung. Zwischen beiden ist Austens Werk zeitgeschichtlich anzusiedeln. Folgt man dieser Interpretation, erkennt man: Beide Gegensätze verkörpern verschiedene gesellschaftliche Haltungen, die miteinander versöhnt werden müssen und in Einklang koexistieren können. (Vgl. Gertrud Lehnert/Deutschlandfunk)

MEINE LESEERFAHRUNG

„Verstand und Gefühl“ war mein zweiter Austenscher Roman. Im Gegenteil zu den meisten anderen Werken blieb die Ironie diesmal eher verhalten. Trotzdem kommt die Satire zum Zuge: Etwa in der Beschreibung der scherzenden, tratschenden Verkupplerin Mrs. Jennings.

Schön fand ich, dass beide Schwestern sehr plastisch und unverhüllt beschrieben wurden – oftmals reichten dafür wenig Worte oder eine kurze Beschreibung einer Situation. So erkennt der Leser bald die menschlichen Stärken und Schwächen der Hauptfiguren.

Ein bisschen gelitten habe ich mit beiden Schwestern, allerdings weiß man als Austenleser bereits nach dem ersten Werk, dass auf Schicksalsschläge ein Happy End folgt. Ihre Romane sind meist ähnlich strukturiert, mit Ausnahme wahrscheinlich von Emma, die als einzige Austenheldin über genug Eigenkapital verfügt, um nicht zwangsläufig heiraten zu müssen.

Insgesamt kann ich das Buch durchaus weiterempfehlen.

EMPFEHLENSWERT FÜR

Austenfans, Literarisch Interessierte (Aufklärung und Romantik), Romantiker, Satiriker; Altersempfehlung: ab 13 Jahre