Villette – Charlotte Bronte

Bild: Peter Bohot / pixelio.de

In Literaturkreisen nennt man „Villette“ Charlotte Brontes zweites Meisterwerk. Einige Literaturkritiker, deren Rezension ich gelesen habe, halten „Villette“ sogar für grandioser als Jane Eyre…

INHALT

Die 25-jährige, mittellose Britin Lucy Snowe findet nach unsteter und glückloser Jugend im französischen Villette eine Anstellung an einer Mädchenschule. Dort verdingt sie sich zunächst als Kinderfrau, später als Lehrerin. Sie entwickelt eine aussichtslose Liebe zum Arzt Dr. John Graham Bretton, den sie bereits aus ihrer Jugendzeit in Großbritannien kennt. Dr. Bretton wiederum verliebt sich in ein ihrer Schülerinnen, die flatterhafte Ginevra Fanshawe. Mehrmals erfährt Lucy Snowe die Freundschaft und Güte des jungen Arztes. Aber auch als Dr. Bretton Ginvera Fanshawes aufgibt, bleibt Lucy Snowes Liebe unerwidert. Da entdeckt sie ihre Zuneigung zu dem eigenwilligen und starrköpfigen Literaturprofessor Paul Emanuel…

BEDEUTUNG

Eines der Hauptthemen des Romans ist die Isolation von Lucy Snowe. Sie verliert ihre Familie und fühlt sich in der Fremde einsam und freundlos. Als sie die Ferien alleine im Mädchenpensionat zurückbleibt, verliert sie durch die Einsamkeit beinahe ihren Verstand und wird schwer krank. Das Motiv Isolation findet sich auch in Charlotte Brontes bekanntestem Roman Jane Eyre. Beide Romane beschreiben einen Selbstfindungs- und Reifungsprozess der Protagonisten.

Ein weiteres Motiv ist die Natur und deren Kraft. Zweimal wütet ein Sturm und jedesmal kündigt er eine Veränderung in Lucy Snowes Leben an. Der Roman schließt damit, dass Lucy ihren Verlobten in einer Sturmnacht auf hoher See zu verlieren glaubt. Ob sie ihn tatsächlich verliert oder nicht, lässt das Buch offen.

Das nächste Motiv ist die Auseinandersetzung mit Katholizismus und Protestantismus. Die Britin Lucy Snowe ist Protestantin, während ihr Freund und späterer Verlobter Paul Emanuel den Katholizismus pflegt – versinnbildlicht im Geistlichen Père Silas. Dies führt zu einigen Konflikten und beinahe wird das Paar dadurch getrennt.

Einen ähnlichen Konflikt bietet die nationale Identifikation der Hauptfiguren. Lucy Snowe muss einmal in einer Unterrichtsstunde vor Paul Emanuel ihre Nationalität verteidigen. Paul Emanuel wiederum wirft Lucy Snowe englische Gefühlskälte vor.

Der Roman arbeitet zudem viel mit Metaphern und Phrasen. Teile aus Lucy Snowes Leben lässt die Ich-Erzählerin weg, während sie andere detailgetreu schildert.

MEINE LESEERFAHRUNG

Das Buch ließt sich verhältnismäßig leicht und schnell. Die meisten Passagen sind spannend, einige wenige etwas langatmig. Einige Rezensenten beklagen, die Hauptfigur Lucy Snowe sei unsympathisch. Das kann ich so nicht sagen. Sie ist zwar streng, diszipliniert und wirkt nach außen hin kühl. Da der Leser aber einen Einblick in ihr Seelenleben erhält, kommt er ihr nahe und versteht ihre Beweggründe. Insgesamt haben mir sowohl die Geschichte, als auch der Schreibstil mit seinen vielen Metaphern gut gefallen. Ich mochte vor allem die Charakterstudien, die Lucy Snowe von allen sie umgebenden Personen anfertigt. Als Leser bekomme ich somit ein umfassendes Bild und kann mich in die Geschichte besser hineinversetzen. Wer wenig mit den Gefühlswelten einer tiefgründigen und oftmals melancholischen Frau anfangen kann, sollte wahrscheinlich die Finger von dem Buch lassen.

EMPFEHLENSWERT FÜR

Frauen; Bronte-Fans; Altersempfehlung: ab 15 Jahre